Was nun?

In den vier Teilen (Teil 1: Placebo; Teil 2: Regression zur Mitte; Teil 3: Bias; Teil 4:  Der natürliche Krankheitsverlauf) dieser Artikelreihe habe ich über verschiedene Phänomene geschrieben, die einen Einfluss auf die Arbeit in der Physiotherapie haben. Ich hoffe, dass deutlich geworden ist, dass wir Physiotherapeuten nicht diejenigen sind, die unsere Patient*innen heilen, sondern dass wir einen Teil zu dem Prozess beitragen können, der sie auf den richtigen Weg bringt. Es sollte klar geworden sein, dass man sich nicht einfach auf Argumente, wie „Wer heilt hat recht!“ berufen kann. Aber was können wir nun in unseren Physio-Alltag mitnehmen? 

Das Wissen um den natürlichen Verlauf bei Krankheitsbildern, die uns im Alltag begegnen, kann uns  helfen, wichtige Entscheidungen zu treffen. Einerseits gibt es Patient*innen, die auch ohne große Hilfe schnell eine Linderung ihrer Symptome erfahren und denen wir vielleicht gar nicht so sehr helfen, wenn wir sie intensiv therapieren. Es kann schließlich auch ein gutes Gefühl sein, nur mit wenig Hilfe mit einer schwierigen Situation weitestgehend selbstständig fertig geworden zu sein. Andererseits wird es Patient*innen geben, die deutlich mehr therapeutische Aufmerksamkeit und Input benötigen und über einen längeren Zeitraum begleitet werden müssen. Mit den aktuellen Regelungen in unserem Gesundheitssystem ist es allerdings nicht an uns zu entscheiden, wie viel Therapie jemand erhält bzw. erhalten muss. Aber wir können für uns steuern, wie sehr wir unsere Therapie in den Mittelpunkt der Behandlung stellen und wie passiv oder aktiv die Rolle der Patient*innen aussieht.

Schauen wir dazu noch auf die Schwankungen, mit denen Patient*innen uns ihre Symptome beschreiben und erinnern uns kurz an die Regression zur Mitte oder an die Verzerrung unserer Wahrnehmung, die im Artikel zum Bias beschrieben wird, so kann man annehmen, dass vieles ein wenig komplexer ist, als es uns in der Ausbildung erklärt wurde.

Wenn wir an den Placebo-Artikel zurückdenken und uns noch einmal vor Augen führen, auf welche Weise dort die Aspirin-Tablette gewirkt hat (Natürlicher Verlauf + Placeboeffekt + Markeneffekt + Wirkstoffeffekt) kann man sich fragen, wie unsere physiotherapeutischen Interventionen genau wirken. 

Diese Frage stellen sich auf der ganzen Welt viele andere Menschen, die neben der Arbeit in der Physiotherapie auch in der Forschung tätig sind. Sie untersuchen mittels wissenschaftlicher Methoden, welche genauen Effekte physiotherapeutische Interventionen bei Patient*innen haben und wie stark dabei die unspezifischen Therapieeffekte Einfluss auf unsere Arbeit haben. Sie vergleichen die Wirksamkeit unterschiedlicher Therapieformen miteinander oder verschaffen sich mit ihren zusammenfassenden Arbeiten einen Überblick, welche Entdeckungen zu einem Themengebiet  schon veröffentlicht wurden.

Persönlich finde ich diese Themen alle sehr spannend. Schließlich möchte man ja für seine Patient*innen den größtmöglichen Unterschied ausmachen.  Deshalb denke ich, dass neben dem Besuch von Präsenzfortbildungen auch Angebote in den Alltag integriert werden sollten, die den Übertrag von wissenschaftlichen Erkenntnissen in die therapeutische Praxis ermöglichen.  Gerade in Zeiten wie diesen, wo die direkte Teilnahme an Weiterbildungen  eingeschränkt bzw. unmöglich ist, kann man über viele Online-Angebote sein Wissen  erweitern. Sei es durch das Lesen von wissenschaftlichen Veröffentlichungen, das Schauen von Online-Vorlesungen oder Präsentationen: Der Zugang zu fundiertem Wissen war noch nie einfacher und bequemer als jetzt. Und in den meisten Fällen auch noch nie so günstig. Mein Tipp: Nutzt es!