Warum kümmert es Faszien kaum, wie hart sie bearbeitet werden?

Klare Antwort: Weil sie sich durch menschliche Kräfte nicht in ihrer Form verändern lassen (Link). Hier könnte ich den Artikel eigentlich schon wieder beenden. Und ehrlich gesagt ist meine Motivation über dieses Thema zu schreiben ein wenig limitiert. Schließlich ist diese Erkenntnis schon ein paar Jahre alt und auf unterschiedlichen Blogs, Plattformen und Social Media Accounts wurde darüber ausführlich geschrieben. Einen sehr umfangreichen Artikel gibt es auf www.painscience.com. Da ich nicht vorhabe diese Ausführlichkeit zu erreichen, empfehle ich bei Interesse dort einmal in den Artikel reinzuschauen. Und auch auf www.physiomeetsscience.com sind mehrere Veröffentlichungen zu finden, die sich mit dem Thema beschäftigen.

Aber die Idee hinter Season 2 der Argumente-Reihe ist es schließlich, sich mit Konzepten und Ideen zu beschäftigen, die eine zu große Rolle in der Physiotherapie spielen. Und die Behandlung von faszialem Gewebe mit all ihren Spielarten (Trigger-Punkte, fasziale Distorsionen, Anatomy Trains usw.) gehört definitiv auf diese Liste. Außerdem kann man immer noch diverse Fortbildungen zu diesem Thema belegen, die sich mit Faszien und ihrer Therapie beschäftigen. Und der physiotherapeutische Alltag zeigt, wie oft Patient*innen der Meinung sind, verklebte fasziale Strukturen wären für ihre Beschwerden verantwortlich. Es scheint also immer noch nicht oft genug darüber geschrieben und gesprochen worden zu sein.

Wie so oft gilt: Es ist nicht so einfach. Der den meisten Therapiekonzepten zugrunde gelegte Ansatz, dass man alleine mittels faszialer Behandlungstechniken Schmerzen sowie Bewegungseinschränkungen behandeln kann, vereinfacht deren oft sehr komplexen und vielschichtigen Ursachen massiv. 

Es gibt allerdings Effekte bei entsprechenden Behandlungstechniken:

  1. lokale Veränderungen im Gewebe: Unter anderem kann es zu einer Veränderung der faszialen Hydration kommen, wodurch sich die Steifigkeit im Gewebe ändern kann. Zusätzliche lokale Effekte sind eine vermehrte Durchblutung und die Stimulation von Propriozeptoren. (Erklären? Was machen die? Wofür sind sie wichtig?) Dabei handelt es sich um direkte Effekte, die durch die Behandlungstechnik hervorgerufen werden. 
  2. globale Effekte: Die Beweglichkeit kann verbessert werden und die Schmerzsensibilität kann sich reduzieren. Dabei werden diese Effekte eher einer Modulation des Nervensystems zugeordnet, die auf einer erhöhten Parasympathischen Aktivität, der Diffuse Noxius Inhibitory Control (DNIC oder auch `Schmerz hemmt den Schmerz`) oder der Gate Control Therory beruhen können. 

Definitiv keinen Effekt haben die Techniken auf das Fasziengewebe selbst. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Dafür reichen die applizierten Kräfte während einer manuellen Behandlungstechnik nicht aus. Und wir erwischen ja nicht nur Fasziengewebe, sondern auch diverse andere anatomische Strukturen. Hinzu kommt, dass es für uns Menschen nicht von Vorteil wäre, wenn so kurzfristig applizierte Kräfte zu nachhaltigen Veränderungen in unserem Bewegungsapparat führen würden. Man könnte uns mit Fug und Recht als Lappen bezeichnen. 

Nun ist mir auch bewusst, dass es im therapeutischen Alltag Situationen auftreten, in denen es schwer ist auf manuelle Techniken zu verzichten. Und es lässt sich ja auch argumentieren, dass es einen therapeutischen Effekt gibt. Zum einen die im ersten Teil der „Argumente- Reihe“ beschriebenen unspezifischen Therapieeffekte und die in diesem Artikel erwähnten spezifischen Effekte.

 Das Problem ist aber, dass die grundlegenden Annahmen im Bereich der Faszientherapie nicht stimmen. Die Therapieeffekte sind zwar real, allerdings beruhen sie auf ganz anderen Mechanismen. Daraus sollte für uns Therapeutinnen und Therapeuten folgen, dass wir auch so kommunizieren. Sprich, es sollte niemand in einer Behandlung mehr davon reden, dass er nachhaltigen Einfluss auf fasziale Strukturen nehmen kann. Ich bin davon überzeugt, dass es Patient*innen eher helfen wird, wenn sie nicht glauben müssen, dass sich ein Gewebe in ihrem Körper so einfach verändern lässt und mir nichts dir nichts verklebt, sondern wenn die Botschaft ist, dass dieses Gewebe sehr robust ist und im Sport oder bei alltäglichen Belastungen viel größeren Kräften standhält. Das Fasziengewebe ist ein grundlegender Baustein für die Robustheit des Menschen gegenüber den Einflüssen seiner Umwelt und wäre wahrscheinlich zutiefst beleidigt, wenn es mitbekommen würde, für wie fragil es oft gehalten wird. Also sollten wir die oft knapp bemessene Zeit für andere Dinge verwenden und wenn wir uns für die Anwendung von passiven Techniken entscheiden, die Wirkungsmechanismen kommunizieren, die aktuell am besten belegt sind. 

Was ich zu diesem Thema gelesen habe:

Freiwald et al. 2016 Foam-rolling in sport and therapy

Le Bars Willer 2010 Diffuse Noxious Inhibitory Controls (DNIC)

Schleip 2003 Fascial Plasticity

Klingler et al. 2014 Clinical Relevance of Fascial Tissue and Dysfunctions

Chaudry et al. 2008 Three-Dimensional Mathematical Model for Deformation of Human Fasciae in Manual Therapy

Physio meets Science 2019 Faszientraining – ein falscher Freund

Physio meets Science 2019 Eine kritische Betrachtung des Fasziendistorsionsmodells

Ingraham 2020 Does Fascia Matter? A detailed critical analysis of the clinical relevance of fascia science and fascia properties