Schneller Input: Gehirnerschütterung im Sport

In der Regel wird eine Gehirnerschütterung durch einen Schlag ins Gesicht, an den Kopf oder gegen die Halswirbelsäule ausgelöst. Allerdings kann auch eine andere Stelle des Körpers getroffen werden, wodurch ein Kraftimpuls auf den Kopf übertragen wird.

Eine Gehirnerschütterung ist keine signifikante strukturelle Verletzung des Gehirns, sondern als eine Störung der Funktion des Gehirns zu verstehen. Bei dieser kommt es zu einer Stoffwechselstörung im Gehirn, die durch Veränderungen des Ionengefälles, Störungen der Natrium-, Kalium- und Kalziumkanäle sowie ein Ungleichgewicht der Neurotransmitter und Entzündungen entsteht.

Somit ist z.B. im MRT keine strukturelle Veränderung zu sehen, es können aber durchaus vorübergehende Veränderungen in der Funktion des Gehirns, in einem fMRI (functional magnetic resonance imaging) zu erkennen sein. Es gibt neuere bildgebende Verfahren, mit denen es anscheinend möglich ist, subtile strukturelle Anomalien in der weißen Substanz und der zerebralen Mikrovaskulatur bei einem beträchtlichen Teil der Patienten mit leichten Schädel-Hirn-Traumata festzustellen.

Typischerweise stellen sich bei einer Gehirnerschütterung dann schnell unterschiedliche Einschränkungen neurologischer Funktionen ein, die in der Regel auch zeitnah wieder zurückgehen. In einigen Fällen entwickeln sich diese Symptome aber auch erst im Laufe der folgenden Stunden nach dem initialen Trauma. Die Bandbreite der Symptome ist dabei sehr groß und können in ganz unterschiedlicher Zusammensetzung auftreten:

Zudem können wiederholte Gehirnerschütterungen dazu führen, dass sich die Zeit bis zu einer vollständigen Erholung verlängert. Dabei besteht zudem die Gefahr, dass bereits kleinere Traumata zu einer erneuten Gehirnerschütterung führen können und die Symptome dabei stärker auftreten.
Aktuell gibt es allerdings keine Daten, die klar belegen können, dass Gehirnerschütterungen in direktem Zusammenhang mit der degenerativen neurologischen Gehirnerkrankung „CTE“ stehen.

Wie erkennt man eine Gehirnerschütterung?

Es besteht ein Unterschied zwischen einer Gehirnerschütterung und einer signifikanten strukturellen Verletzung mit subduralem Hämatom (Warnzeichen hierfür siehe Taschenkarte). Je größer die beim Trauma wirkende Kraft und je stärker die initialen Symptome, desto misstrauischer sollte man bei der Untersuchung sein. Auch eine zunehmende Verschlechterung der Symptome ist ein Warnzeichen, das für eine größere Verletzung spricht als vielleicht zunächst angenommen.

Zur schnellen Diagnostik gibt es dann von der VBG (Berufsgenossenschaft, bei der Profisportler versichert sind) einige Tools und Hilfsmittel. Diese dienen zur Unterstützung für Physiotherapeut/innen und anderem medizinischen Personal, die eine Gehirnerschütterung in kurzer Zeit auf dem Feld oder an der Seitenlinie erkennen müssen.

Wie rehabilitiert man Athlet/innen mit einer Gehirnerschütterung?

In der Vergangenheit wurde angenommen, dass Athlet/innen körperliche Belastungen erst wieder aufnehmen sollten, wenn alle Symptome abgeklungen sind.
Neuere Daten zeigen aber, dass aktive Übungen, die keine Symptome auslösen, bereits 24-48 Stunden nach der Gehirnerschütterung in die Rehabilitation integriert werden können. Auch die Durchführung von aerobem Training eine Woche nach einer Gehirnerschütterung scheint die Häufigkeit von einer verzögerten Erholung über 30 Tage hinaus zu reduzieren.

Der Buffalo Concussion Treadmill Test (BCTT) hilft hier bei der Festlegung der Herzfrequenz für die Rehabilitation. Dabei geht die betroffene Person auf einem Laufband und die Geschwindigkeit wird langsam gesteigert bis die Symptome wieder aufzutreten. Die dabei erreichte Herzfrequenz dient als Zielfrequenz für die kardio-vaskulären Reha-Übungen.

Um den gesamten Reha-Prozess zu steuern, findet sich im Scat-5 ein Stufenmodell, dass einen möglichen Ablauf vom initialen Trauma bis hin zur Rückkehr auf den Court beinhaltet.

Wichtig: Die finale Entscheidung über die Rückkehr einer Athlet*in in das Training (mit Kontakt) sollte von ärztlicher Seite getroffen werden!

Wie lassen sich Gehirnerschütterungen verhindern?

Es gibt Evidenz, dass Athlet/innen mit stärkerer Nacken- und HWS-Muskulatur ein geringeres Risiko für eine Kopf- bzw. HWS-Verletzung haben. Die Integration entsprechender Übungen ist in der primären und sekundären Prävention von Gehirnerschütterungen also durchaus sinnvoll. Dagegen scheint Schutzkleidung (z.B. Helme) nicht gut gegen Gehirnerschütterungen zu schützen.
Zahnschienen bzw. ein Mundschutz helfen beim Schutz gegen Kiefer-, Zahn- und Gesichtsverletzungen.

Literatur:

Guskiewicz et al. Cumulative effects associated with recurrent concussion in collegiate football players- the NCAA Concussion Study.

Covassin Elbin 2010 The cognitive effects and decrements following concussion

Levin et al. 2015 Diagnosis, prognosis, and clinical management of mild traumatic brain injury

Howell et al. 2022 An 8-Week Neuromuscular Training Program After Concussion Reduces 1-Year Subsequent Injury Risk A Randomized Clinical Trial

Downey et al. 2018 Determining sensitivity and specificity of the Sport Concussion Assessment Tool 3 (SCAT3) components in university athletes

Gupta et al. 2019 Treatment of Acute Sports-Related Concussion

Patricios et al 2018 Implementation of the 2017 Berlin Concussion in Sport Group Consensus Statement in contact and collision sports- a joint position statement from 11 national and international sports organisations

Elliott et al. 2021 Injury Reduction Programs for Reducing the Incidence of Sport-Related Head and Neck Injuries Including Concussion- A Systematic Review

Streifer et al. 2019 The Potential Role of the Cervical Spine in Sports-Related Concussion- Clinical Perspectives and Considerations for Risk Reduction

Materialien der VBG zum Thema Gehirnerschütterungen