Regression zur Mitte – Was soll das mit Physiotherapie zu tun haben?

Heute wird es etwas komplizierter. Das allerdings in erster Linie für mich, denn dieses Thema möglichst einfach und dennoch korrekt zu erklären, ist nicht ganz leicht. Nichtsdestotrotz wird am Ende des Beitrags hoffentlich deutlich, warum es ein wichtiges Thema ist, um zu verstehen, was Alles unsere Erfolge und Misserfolge in der Therapie beeinflussen kann.  

Denn eins muss ich hier vielleicht auch mal einschieben: Einflüsse von außen sind nicht nur für Teile des Therapieerfolges verantwortlich. Es ist genauso gut möglich, dass man Misserfolge mit Patient*innen erlebt und dafür nicht die alleinige Verantwortung trägt. In beiden Fällen ist es aber wichtig, sich im Klaren darüber zu sein. Und noch wichtiger ist es bei wissenschaftlichen Untersuchungen von therapeutischen Interventionen. Denn lässt man diese Faktoren außer Acht, kann das Forschungsergebnis viel von seiner Aussagekraft verlieren. 

Stellen wir uns zunächst eine Beispielpatientin vor: Frau M. kommt mit starken Knieschmerzen zu uns in die Praxis. Laut MRT ist das Knie strukturell nicht geschädigt und der Schmerzproblematik liegt auch kein Unfall oder anderes traumatisches Geschehen zu Grunde. Vielmehr handelt es sich um Schmerzen, die schon einige Monate anhalten und begonnen haben, als Frau M. ihr Lauftraining intensiviert hat. Es wurden 10 Termine über einen Zeitraum von 5 Wochen vereinbart. Alles in allem also ein klassischer Fall, der so wahrscheinlich zig Mal täglich in Deutschland vorkommt. Mit welcher Therapieform die Patientin behandelt wird, ist für das Beispiel nicht relevant, denn das Phänomen der Regression zur Mitte tritt davon unabhängig auf. Allerdings brauchen wir ein Messinstrument, das die Symptome der Patientin in einer Zahl ausdrückt. Da der Schmerz das Leitsymptom in dem Beispiel ist, nutzen wir also die Numerische Rating-Skala (Link). 

An den zehn Terminen wird Frau M. von uns jeweils nach ihrem aktuellen Schmerzlevel gefragt und soll diesen auf einer Skala von 0 bis 10 angeben. Es ist anzunehmen, dass das Schmerzniveau am Anfang der ersten Behandlung relativ hoch sein wird, da sich in den meisten Fällen Patient*innen eher um einen Behandlungstermin kümmern, wenn die Symptome schlimmer sind und ein entsprechend höherer Leidensdruck herrscht. 

Um die Regression zur Mitte zu verstehen, muss klar sein, dass es natürlich auch vor unserem ersten Behandlungstermin bereits Symptome gab. In der folgenden Grafik gehen wir einfach davon aus, dass wir Frau M. auch schon in den 2 Wochen zuvor regelmäßig nach ihrem Schmerzniveau befragen konnten:

 14 Tage zuvor12 Tage zuvor10 Tage zuvor8 Tage zuvor6 Tage 
zuvor
4 Tage 
zuvor
2 Tage 
zuvor
Mittel-
Wert 1
Termin 1Termin
 2
Mittel-
Wert 2
NRS
 (0-10)
55657876,1856,2

Daraus ergibt sich ein Mittelwert von 6,1 für die letzten 2 Wochen vor der Behandlung. In den letzten Tagen vor der Behandlung lagen die Knieschmerzen allerdings über dem Durchschnitt. Am Tag der ersten Behandlung liegt der Wert bei 8 und damit am deutlichsten über dem Mittelwert. Zum zweiten Termin gibt die Patientin nun einen Wert von 5 an. Der normale Reflex wäre davon auszugehen, dass die Behandlung schon sehr gut angeschlagen hat und man gemeinsam auf einem guten Weg ist. Hier greift jetzt die Regression zur Mitte. Darunter versteht man, dass nach einem besonders großen Ausreißer vom Mittelwert zu erwarten ist, dass der nächste Messwert wieder näher am Mittelwert liegen wird (Link). Somit ist die deutliche Verbesserung ein Stück weit mit Vorsicht zu genießen und ein Anstieg wieder an den Mittelwert heran wäre nicht unwahrscheinlich. 

Diese Entwicklung wäre aber auch nicht schlimm, denn konträr zum Bauchgefühl vieler Physiotherapeut*innen ist eine Verbesserung in Bezug auf Schmerz und Funktion in den ersten Behandlungen  nicht mit der Aussicht auf mittel- und langfristigen Erfolg verknüpft (Link). 

Hier lässt sich vielleicht schon mal ein kleiner Übertrag in die Praxis machen. Bezieht man das Konzept von der Regression zur Mitte ein, lässt sich überlegen, ob man in der Anamnese neben dem Ist-Zustand auch rückblickend z.B. den Symptomverlauf betrachten sollte, um eine Art gefühlten Mittelwert zu erhalten. Was war also das „Normal“ in der Zeit, bevor der Arzt aufgesucht wurde. So könnten Ausreißer besser verstanden werden und würden  vielleicht weniger Stress bei Therapeut*in und Patient*in auslösen.

Zudem sollten Therapeut*innen sich etwas von dem Druck befreien, sofortige Verbesserungen erzielen zu müssen. Diese scheinen eben nicht vorhersagen zu können, wie die langfristige Entwicklung aussehen wird, womit auch die Nachhaltigkeit einer therapeutischen Intervention als Qualitätsmerkmal mehr in den Fokus rücken könnte.