PEACE and LOVE vs RICE – akutes Verletzungsmanagement

Im ersten Gastbeitrag auf „Re!think“ schreibt Maxi über die Akutversorgung von Verletzungen. Nach der Ausbildung zum Physiotherapeuten und einem Studium der Sportwissenschaften und Leistungsdiagnostik an der Sporthochschule in Köln arbeitet er als Physiotherapeut am Olympia-Stützpunkt Hessen in Frankfurt.

Wer kennt es nicht. Jemand knickt beim Sport um und das erste was empfohlen wird ist, die verwundete Stelle schnell mit Eis zu kühlen. Man sieht es wöchentlich in den Kreisligen bis hoch in die Bundesligen. Der Spieler liegt auf dem Boden und schreit nach Eis. Dieses Schema steckt so tief in den Köpfen, dass ich selbst schon als Betroffener auf dem Boden lag, eher gegenteiliges Problem hatte und gerufen habe: “Bloß kein Eis!“, aber dazu später mehr.

Wie Stefan in seinem Post über den natürlichen Krankheitsverlauf bereits geschrieben hat, ist der (menschliche) Körper sehr gut darin sich selbst zu heilen. Er benötigt bei kleineren Traumata wie Hautschnitten, Muskelzerrungen oder Supinationstraumen wenig Hilfe. 

Nimmt man das wörtlich, hieße das für die medizinischen Betreuer*innen bei einem Fussballspiel Schlimmeres auszuschließen (bei einer Bandverletzung beispielsweise über die Ottawa Ankle Rules) und den Körper anschließend sich selbst zu überlassen. 

Trotzdem hören wahrscheinlich die meisten bei Erste-Hilfe-Kursen, in der Trainerausbildung oder auch in der Physiotherapieausbildung immer wieder vom sogenannten PECH-Schema (im Englisch RICE-Schema). Hierbei handelt es sich, wie die meisten wissen, um ein Akronym bei dem P für „Pause“, E für „Eis“, C für „Kompression“ und H für „Hochlagern“ steht. Die Idee dahinter ist den Schaden bei Muskel- und Gelenkverletzungen so gering wie möglich zu halten und das posttraumatische Ödem tunlichst zu verhindern. So soll der Heilungsverlauf früh positiv beeinflusst und Schmerzen reduziert werden. 

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Dieses Schema wird teilweise noch erweitert durch den Buchstaben P für „Protect“, womit der Schutz vor überlastenden Bewegungen und die Unterstützung durch Hartschalentapes und Schienen gemeint ist. Durch das Akronym POLICE wurde erstmalig die komplette Immobilisation durch ein „Optimales Loading“ ersetzt. Dieses beschreibt die stufenweise, schmerzadaptierte Belastungssteigerung. 

„Compression“ und „Elevation“ bleiben auch in diesem Konzept erhalten. Der Verzicht auf eine „Pause“ trägt gerade bei ambitionierten Sportler*innen und Patient*innen zur mentalen Gesundheit bei. Zusätzlich führt eine komplette Immobilsation zu einem erheblichen Muskelmasse- und Kraftverlust (Link).

Auffällig ist jedoch die Beibehaltung von Eis in der Akutphase.
Auch hier unterliegt man einem Bias. Vielleicht kennt man es auch von sich selbst. Als das letzte Mal der eigene Knöchel gekühlt hat, hat es schließlich auch geholfen. 

Meist ist das Argument hierfür, dass die Schwellung und die Entzündung minimiert werden soll. Ab einem gewissen Grad ist dies wahrscheinlich auch sinnvoll. Wenn man jetzt aber wieder darauf zurückkommt, dass der Körper intelligent ist und gut darin ist sich selbst zu heilen, stellt sich die Frage warum man versucht mit Eis oder entzündungshemmenden Medikamenten gegen die Entzündung anzukämpfen. 

Die Evidenz für diese Arten von Sofort-Management ist eher schwach und konzentriert sich nur auf Akutmaßnahmen und weniger auf subakute oder langfristige Therapie. 

In einer evidenzbasierten Leitlinie hat das renommierte British Journal of Sports Medicine (BJSM) die Literatur, die das RICE Schema untersucht, und neue Empfehlungen zur Behandlung von Supinationstraumen aufgestellt (Link).

Auch hier geht die Empfehlung gegen eine sofortige Eisbehandlung und Immobilisation. NSAIDs können jedoch gerade im akuten Schmerz helfen, nach Abwegen der Nebenwirkungen. 

Das British Journal of Sports Medicine stellt deswegen zwei neue Akronyme in den Mittelpunkt, um die Rehabilitation zu optimieren: PEACE & LOVE! (Link)

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Hierbei gilt PEACE für das Management der akuten Verletzung und LOVE für das Subakut- und das langfristige Return-to-Activity Management. 

Gerade im Akutmanagement wurde das Rad nicht neu erfunden: „Protection“,  „Compression“ und „Elevation“ werden weiterhin empfohlen. 

Allerdings wird nun von Eis und entzündungshemmenden Schmerzmitteln abgeraten. Diese können den natürlichen Heilungsverlauf des Gewebes beeinträchtigen. Aus diesem Grund sollte auf NSAIDs (nicht-selektive) nur bei starken Schmerzen zurückgegriffen werden. 

Für ziemlich entscheidend halte ich vor allem den Punkt der „Education“. Hier gilt es eine Unabhängigkeit vom „heilenden Therapeuten“ zu erreichen. Die Patient*innen sollen lernen, dass es keine „heilenden Hände“ oder „teuren Gerätschaften“ benötigt um den Heilungsverlauf zu beschleunigen. Die Vorteile eines aktiven Ansatzes bei der Verbesserung von Schmerz und Funktion überwiegen. So kann man es auch als nachteilig ansehen, wenn jede Patient*in denkt, sie benötigt zwei Behandlungen pro Woche inklusive Elektrotherapie um schmerzfrei zu werden. Und das bei der schweren Terminsituation in den meisten Praxen. 

Nach den ersten Tagen und der Akutphase brauchen Weichteilverletzungen dann Liebe (LOVE): 

Das “L“ in LOVE kann man hier im Grunde gleich setzen mit dem „OL“ in POLICE: Eine stufenweise und schmerzadaptierte Belastungssteigerung. 

„O“ wie Optimismus: Da ich selbst im Leistungssport arbeite und hier vielen Athleten*innen begegne, die Verletzungen häufig als karrieregefährdendes Ereignis empfinden, denke ich, dass auch in der subakuten und langfristigen Behandlung der Optimismus mit entscheidend ist. So kann man eine Verletzung auch als Chance sehen. Beispielsweise kann bei einer Schulterverletzung im Basketball, an der Sprungkraft gearbeitet werden. Und für andere Patient*innen kann es eine Option sein, sich wieder mehr mit dem eigenen Körper zu beschäftigen und bewegungsfreudiger zu werden. 

„V“ wie Vaskularisation und „E“ wie Exercise: Hierbei ist die Rede von schmerzfreier kardiovaskulärer Aktivität und Training. Damit soll der Stoffwechsel gefördert, die Schmerzen gesenkt und Funktion, Kraft, Propriozeption und Mobilität wiederhergestellt werden. 

Wenn ich an dieses Schemata denke, werde ich immer an meinen Hund erinnert. Bei einer Verletzung humpelt er ein wenig, was sich meist innerhalb kürzester Zeit wieder von selbst legt. Würde ich versuchen ihn mit Eis zu behandeln, gäbe es wahrscheinlich lautes Geheule. Ich will damit nicht sagen, dass alles Natürliche gut ist und alles Unnatürliche schlecht. Immerhin sind Kniebeugen mit einer 100kg Hantel auf dem Rücken oder Fahrrad fahren auch nicht gerade natürlich. Allerdings bin ich der Meinung, dass manchmal der ein oder andere Schritt weg von unserer bisherigen Denkweise hin zum intuitiv handelnden Tierreich hilfreich sein kann.