Was passiert eigentlich, wenn wir Techniken der manuellen Therapien nutzen?

Während meiner Ausbildung zum Physiotherapeuten und auch in den ersten Berufsjahren war für mich relativ klar, dass ein Großteil der Physiotherapie auf einer Behandlungsbank stattzufinden hat. In der Ausbildung und in Weiterbildungen lernen wir alle diverse Behandlungstechiken, die mit den Händen ausgeführt werden. Seien es Techniken aus der manuellen Therapie zur Mobilisation und Manipulation von Gelenken, Weichteiltechniken zur Behandlung von Muskeln, Faszien und Triggerpunkten oder neurodynamische Techniken zur Mobilisation von Nerven. Das Feld der manuellen Therapien ist groß und man kann diverse Konzepte erlernen, die für sich behaupten, das Mittel der Wahl zu sein. Die Grundlage aller klassischen Konzepte ist aber ähnlich: Manual-Therapeut*innen nutzen ihre Hände um mit speziellen Techniken ihre Behandlungsziele zu erreichen. Einen kurzen Überblick über einige Konzepte bekommt ihr in der folgenden Tabelle:

Ich habe bereits in einigen anderen Artikeln darüber geschrieben, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass wir mit manuellen Techniken tatsächlich Strukturen unseres Körpers nachhaltig beeinflussen können (Link) (Link). Dementsprechend sind Annahmen, dass es über solche Wirkungsmechanismen zu einer Schmerzlinderung oder verbesserten Beweglichkeit nach einer Behandlung mit manuellen Techniken kommt, mit Vorsicht zu betrachten. 

Das es bei diesen Therapieformen zu positiven Behandlungseffekten kommen kann, ist nicht von der Hand zu weisen. Nur werden dabei ziemlich sicher keine Adhäsionen beseitigt, Verklebungen gelöst oder Gelenke „frei“ gemacht. Vielmehr kommt es zu einer Kombination von unspezifischen Therapieeffekten (Placebo) (Natürlicher Krankheitsverlauf) (Regression zur Mitte) und neurophysiologischen Effekten, die aller Wahrscheinlichkeit nach für die Behandlungserfolge mit manuellen Therapien verantwortlich sind. 

Diese Effekte sind in Strukturen, die mit manueller Therapie behandelt wurden, festgestellt worden. So konnte beispielsweise die Ausschüttung verschiedener schmerzhemmender Botenstoffe und körpereigener Substanzen in diesen Strukturen nachgewiesen werden. Daraus ergibt sich ein Wirkmechanismus für die manuelle Therapie, den rein biomechanische Erklärungsmodelle gern für sich beanspruchen würden bzw. über lange Zeit beansprucht haben. 

Außerdem werden Einflüsse durch manuelle Behandlungstechniken auf Rückenmarksebene und in supraspinalen Regionen des Nervensystems vermutet, die zu positiven Behandlungsergebnissen beitragen können. Das nachfolgende Modell wirkt auf den ersten Blick etwas unübersichtlich, stellt aber die Komplexität der Wirkungsweisen von manueller Therapie damit auch ganz gut dar:

In dem von Bialosky et al. entwickelten Modell wird den neurophysiologischen Effekten Rechnung getragen und es gibt einen guten Überblick über die wahrscheinlichsten Wirkungsweisen in der manuellen Therapie. Es bietet physiologische Erklärungen für die therpeutischen Erfolge, die mit diesen Therapieformen erzielt werden können, und beruft sich nicht auf Erklärungsmodelle, für die es keine wissenschaftliche Grundlagen gibt. Auf einen Punkt, den das Schaubild deutlich macht, möchte ich besonders hinweisen:  Für viele der aufgeführten und der MT zugerechneten Wirkmechanismen, werden auch Beispiel-Studien aus der Placebo- und Erwartungsforschung genannt, die gleiche Effekte aufzeigen konnten. Somit ist offen, wie spezifisch die neurophysiologischen Effekte der MT sind und wie groß der Einfluss unspezifischer Therapieeffekte auf den Behandlungserfolg ist. Damit stellt sich für mich auch die Frage, ob es überhaupt in unserer Macht liegt, einen Behandlungserfolg mit manueller Therapie gezielt und bewusst herbeizuführen. Oder müssen wir darauf hoffen, dass wir bei der Auswahl unserer Behandlungstechnik mit allen begleitenden Parametern schon irgendwie richtig liegen werden?

Ich empfinde es übrigens als sehr ärgerlich, dass dieses Modell bereits vor 12 Jahren veröffentlicht wurde aber keinerlei Eingang in meine physiotherapeutische Ausbildung und die folgenden Weiterbildungen gefunden hat. Es fällt der Physiotherapie insgesamt wohl schwer sich einzugestehen, dass das Gerede von heilenden, magischen Händen wohl ein Mythos ist und sich die Probleme, mit denen wir es in unserem Berufsalltag zu tun haben, sich deutlich komplexer gestalten, als es lange angenommen wurde.

Was ich zu diesem Thema gelesen habe:

Bialosky et al. 2009 The Mechanisms of Manual Therapy in the Treatment of Musculoskeletal Pain- A Comprehensive Model

Bialosky et al. 2018 Unraveling the Mechanisms of Manual Therapy- Modeling an Approach

Beedie et al 2018 Caution, this treatment is a placebo. It might work, but it might not’- why emerging mechanistic evidence for placebo effects does not legitimise complementary and alternative medicines in sport

Bialosky et al. 2017 Placebo Mechanisms of Manual Therapy- A Sheep in Wolf’s Clothing?

Vigotsky Bruhns 2015 The Neurophysiological Response to Manual Therapy and Its Analgesic Implications- A Narrative Review

Bishop et al. 2015 What effect can manual therapy have on a patient’s pain experience?