Eine Studie

„Woher weißt du das?“ frage ich. „Nun…es gibt da eine Studie drüber“, sagt das Känguru. „Von schwedischen Wissenschaftlern…(aus „Die Känguru-Apokryphen vom Marc-Uwe Kling)

Nur allzu oft hört man im Alltag, dass Aussagen mit dem Zusatz garniert werden, dass Wissenschaftler*Innen das Ganze in einer Studie herausgefunden hätten. Den verbreiteten Informationen wird damit möglichst viel Gewicht verliehen und jede Gegenargumentation im Keim erstickt. Es sei denn, die Gegenseite kann sich auf eine Studie berufen, die vielleicht sogar von schwedischen Wissenschaftlern kommt! Laut des Kängurus gibt es darüber nicht mehr viel, was die Kredibilität dann noch steigern könnte. 

Man beruft sich also auf die Ergebnisse von Studien, um Aussagen zu belegen. Auf diesem Weg ist es jedem möglich, die Informationen zu überprüfen, auf die ich mich in den Texten stütze. Allerdings muss auch klar sein, dass nicht jede Studie gleich gut ist. Vielleicht kann man das Ganze etwas mit dem Hausbau vergleichen: Je größer ein Gebäude ist, desto stabiler muss das Fundament sein, auf dem es steht.  Je kontroverser und mutiger also eine Aussage ist, desto besser sollte  die Studie sein, die die Grundlage bildet. 

Ein Beispiel hierfür wäre es, wenn Herr L. behauptet, dass sich durch die von ihm erfundene Hyperfaszienkompressionreleaseschmerzweg-Methode Rückenschmerzen erfolgreicher behandeln lassen als mit Manueller Therapie oder Krafttraining. Das klingt eigentlich  zu schön um wahr zu sein, und somit ist der nächste Schritt zu überprüfen, auf welcher Grundlage Herr L. diese Behauptung macht. Gibt es Daten bzw. Studien, die die Aussage stützen oder handelt es sich mehr um Wunschdenken und eine sehr kühne Behauptung? 

Als erstes wollen wir uns einmal anschauen, was alles zu einer Studie gehört, mit der man eine Überprüfung durchführen könnte (Link):

  • Die Fragestellung: Am Anfang einer jeden Studie steht die Hypothese. Damit ist die Frage gemeint, auf die man mit dieser Studie eine Antwort finden möchte. Sie entspricht einer Vermutung über einen bestimmten Sachverhalt (Raithel, 2008) und gibt die Richtung für den weiteren Aufbau der Studie vor.
  • Teilnehmer*innen: Wer wurde für diese Studie nach welchen Kriterien ausgewählt? Um bei unserem Beispiel zu bleiben, wäre es zum Beispiel schwieriger das Ergebnis in unsere tägliche Arbeit zu übertragen, wenn die ausgewählten Proband*innen überhaupt nicht unserem normalen Patientenklientel entsprechen. Wurde die Therapie also nur bei jungen Sportler*innen mit akuten Rückenschmerzen durchgeführt, können wir nicht davon ausgehen, dass sie genauso bei unseren Patient*innen wirkt, wenn diese fast alle über 60 Jahre sind und oft schon sehr lange mit Rückenschmerzen zu kämpfen haben. Passende Kriterien wären also: Alter über 60, Rückenschmerzen länger als 3 Monate.
  • Die Beschreibung der Durchführung: Wurde der Aufbau der Studie mit allem Drum und Dran erläutert? Nur so ist gewährleistet, dass die Studie an anderer Stelle wiederholt werden kann, um vielleicht zu überprüfen, ob die Ergebnisse der ersten Studie reproduzierbar sind.
  • Die Größe: Wie hoch ist die Teilnehmerzahl in der Studie? Einfach ausgedrückt, ist hier mehr eigentlich fast immer besser. Wenn man an Punkt 2 zurückdenkt, gelten für die Teilnehmenden einer Studie immer bestimmte Kriterien. In unserem Fall gibt es also eine bestimmte Anzahl an Menschen auf der Welt, auf die diese Kriterien zutreffen (Population). Am liebsten würde man natürlich bei allen überprüfen, wie die Therapieformen aus der Studie wirken. Da dies aber logistisch nicht möglich sein wird, wählt man eine Stichprobe aus. Deren Ergebnisse sollen dann für die Gesamtheit sprechen: 
(Kamper, 2020)
  • Je größer die Stichprobe ist, desto besser lassen sich die Ergebnisse der Studie auf die Gesamtheit übertragen. Und somit auch eher auf Patient*innen, mit denen wir in unserem Arbeitsalltag zu tun haben.
  • Die Endpunkte: Welche Messinstrumente wurden gewählt, um die Veränderungen durch die Therapie darzustellen? Denn auf irgendeine Art und Weise muss der Unterschied vor und nach der Therapie ja messbar gemacht werden. Ein einfaches Instrument hierfür ist z.B. die Visuelle Analog Skala (Link) um das empfundene Schmerzniveau der Patienten in Zahlen darzustellen. Infrage kommen aber auch Fragebögen, die über die vom Patienten empfundenen Einschränkungen Auskunft geben (Link). Wenn man also wissenschaftliche Arbeiten liest, ist es wichtig, dass die gewählten Messinstrumente auch zur gestellten Forschungsfrage passen. (Kamper, 2019)
(Kamper, 2019)
  • Der Zeitraum: Jede medizinische oder physiotherapeutische Therapie braucht Zeit um zu wirken. Beim Aufbau einer Studie muss demnach beachtet werden, den Zeitraum so zu wählen, dass dem Rechnung getragen wird. Aber auch für die Aussagekraft ist es wichtig, dass die Teilnehmer/inn/en über einen entsprechenden Zeitraum begleitet werden. Schließlich möchte man über eine Therapieform nicht nur wissen, ob die Therapie sofort wirkt, sondern auch wie es den Patient*innen mit etwas Abstand zur Behandlung geht. Mit dem Placebo-Effekt haben wir schon über einen unspezifischen Therapieeffekt gesprochen und einige weitere werden noch folgen. Das ist insofern hier wichtig, weil sie besonders direkt während der Intervention wirken und somit eher das kurzfristige Therapieergebnis beeinflussen. Nutzt man also später die ausgewählten Messinstrumente  (z.B. Visuelle Analog Skala, Fragebögen etc.) nochmal, bekommt man einen Eindruck, ob Therapieerfolge auch langfristig anhalten.
  • Der Krake: Ok, so wird dieser Punkt sonst nicht genannt. Gemeint ist, wie viele Arme die Studie hat. Mit anderen Worten, wie viele Gruppen werden miteinander verglichen. Vielleicht stellt sich jetzt die Frage, warum mehrere Gruppen nötig sind. Schließlich beurteilen wir im Alltag den Erfolg unserer Behandlung auch nur daran, ob unser Patient/ unsere Patientin glaubt, dass es ihm besser geht und ob wir finden, dass z.B. das Gangbild besser geworden ist. Und schon wieder kommen wir zurück auf die unspezifischen Therapieeffekte und damit auf eine Grafik, die ich bereits im Artikel über den Placebo-Effekt genutzt habe. Dabei kann man jeden Arm der Krake ein Stück weit mit einem Balken in der Grafik gleichsetzen. Hätte man sich bei dieser Studie nur mit der Intervention beschäftigt, wäre es nicht möglich gewesen, den spezifischen Therapieeffekt herauszuarbeiten. Darum ist es wichtig, auch andere „Arme“ in das Design der Studie zu integrieren. So kann man den unterschiedlichen Therapieerfolg zweier Interventionen miteinander vergleichen und stellt diesen einer Placebo- oder Kontrollgruppe  gegenüber. Heraus kommt eine Antwort darauf, ob die Interventionen besser abschneiden, als wenn man nichts tut und nur abwartet (Kontrollgruppe/Natural History) oder den Anschein erweckt zu behandeln (Placebo). Ohne diese Vergleiche kann man also nicht sagen, wie sehr eine Behandlung wirklich hilft. 
  • Die Randomisierung: Der Begriff „Randomisierung“ steht für eine Art der Zuteilung der Studienteilnehmer*innen in die einzelnen Arme der Studie. Aus dem Englischen kennt ihr vielleicht das Wort „random“, dass ins Deutsche übersetzt so viel wie zufällig, wahllos oder willkürlich bedeutet. Hat man es also geschafft, eine gewisse Anzahl von Menschen zu überzeugen an einer Studie teilzunehmen, werden diese den einzelnen Armen randomisiert zugeordnet. Im besten Fall geschieht das auch noch verblindet. Das heißt, weder die Person, die die Zuteilung durchführt, noch die Probanden selbst sollten wissen, wer in welcher Gruppe landet. So wird versucht zu gewährleisten, dass die Ergebnisse der Studie nicht dadurch verfälscht werden, dass jemand aus der Placebo-Gruppe weiß, dass man nur die Scheintherapie erhält. Und umgekehrt ist durch Randomisierung und Verblindung gewährleistet, dass nicht mit Absicht  Gruppen gebildet werden, die das Ergebnis verfälschen können. So könnte man sich vorstellen, dass eine Gruppe mit kürzerer Krankheitshistorie besser auf eine Therapie reagiert, als eine Gruppe, die schon längere Zeit erkrankt ist.

Hier beenden wir den ersten Einblick in die Welt der Studien & Co. Es gäbe mit Sicherheit noch viel mehr und viel detaillierteres zu diesem Thema zu schreiben. Zum Beispiel ist eine Studie auch nur eine von vielen Möglichkeiten der Wissenschaft, neues Wissen zu generieren. Und selbst zum Thema Studien sind ganze Bücher verfasst worden. Mir ist hier wichtig, einen ersten Eindruck davon zu geben, wie wichtig es ist, das eigene Wissen immer wieder zu überprüfen und eine Idee davon zu bekommen, auf welchem Wege das funktionieren kann.  Weiter geht es im nächsten Artikel mit einem weiteren Effekt der das Potenzial hat, unsere Therapieergebnisse zu beeinflussen: Die Regression zur Mitte.

Literaturverzeichnis 

Fundamentals of Measurement: Linking Evidence to Practice [Artikel] / Verf. Kamper Steven J // Journal of Orthopaedic & Sports Physical Therapy. – 2019.

Generalizability: Linking Evidence to Practice / Verf. Kamper Steven J. – 2020.

Quantitative Forschung [Buch] / Verf. Raithel Jürgen. – Wiesbaden : VS Verlag Sozialwissenschaften, 2008.