Der natürliche Krankheitsverlauf oder „Gut Ding will Weile“ haben

Wahrscheinlich hat sich schon jede*r mindestens einmal im Leben auf irgendeine Art und Weise verletzt. Sei es ein Schnitt mit dem Küchenmesser, als man beim Schneiden der Tomaten für den Salat nicht richtig aufgepasst hat, oder wenn man sich das Knie beim Sturz mit dem Fahrrad aufgeschlagen hat. 

Was dann passiert, haben wir auch schon alle erlebt: Der Körper beginnt sofort damit zu heilen. Innerhalb der ersten Sekunden bis Minuten wird die Blutung gestoppt und die Wunde beginnt sich zu schließen. Je nach Größe dauert es einige Tage oder Wochen, und es ist in der Regel kaum noch etwas von dem Missgeschick zu sehen. Man könnte jetzt den Heilungsverlauf noch viel detaillierter beschreiben, doch das Grundlegende wird meiner Meinung nach auch so schon deutlich: Der menschliche Körper ist sehr gut darin, auf sich aufzupassen und sich um sich selbst zu kümmern. 

Über Erkältungen gibt es die Redensart, dass es oft  ungefähr sieben Tage braucht, bis man sie wieder los wird. Und wenn man damit  zum Arzt geht, dann dauert es nur eine Woche. Ich glaube, dass dies auch für so einige Verletzungen und Probleme gilt, mit denen Menschen in die Physiotherapiepraxis ihres Vertrauens kommen. 

Gerade bei relativ frischen Verletzungen, wie beispielsweise einer Muskelzerrung oder bei einem Supinations-Trauma, mit den Patient*innen kurz nach dem Verletzungsgeschehen in der Praxis auftauchen, wird der Körper unter normalen Umständen nicht auf unsere Hilfe angewiesen sein. Er wird seine Fähigkeiten zur Heilung nutzen und damit jeder Intervention von Seiten der Physiotherapie überlegen sein. Wir sollten uns also nicht dazu hinreißen lassen, uns mit fremden Federn zu schmücken und die schnellen Verbesserungen auf unsere Therapie zurückführen. 

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass viele Probleme in unserem Arbeitsalltag auch von alleine besser werden. Unserem Körper sei Dank. 

Die viel wichtigere Aufgabe ist meiner Meinung nach, die Patient*innen herauszufiltern, die wirklich auf intensivere physiotherapeutische Hilfe angewiesen sind. Da wir in Deutschland in fast allen Fällen nur auf Anweisung einer Ärztin/eines Arztes tätig werden dürfen, liegt ein Teil dieses Filterprozesses nicht in unserer Hand. Denn schließlich sind wir quasi verpflichtet zu helfen, wenn eine entsprechende Verordnung ausgestellt wird. Doch bleibt uns die Möglichkeit innerhalb der Therapie zu entscheiden, ob wir deutlich machen, wozu der menschliche Körper in Sachen Heilung in der Lage ist und das wir diesen Prozess begleiten. Denn was wir in diesen Fällen eher nicht tun, ist es in der Rolle der Heiler*In zu sein. Eher befinden wir uns in einer Art Management-Rolle, bei der wir den Patient*innen mit Rat und Tat* zur Seite stehen und ihnen helfen, möglichst schnell wieder alleine zurechtzukommen. 

*Dazu, wie wenig „Tat“ hier eigentlich mit „tun“ zu tun hat, kommen wir später an anderer Stelle. Denn auch wenn es hier so scheinen mag, dass man die Patient*innen doch einfach wieder nach Hause schicken kann, gibt es viele Dinge, mit denen wir helfen können. Allerdings vielleicht auf etwas andere Art und Weise, als man es als Therapeut*in bisher gewöhnt ist.