Der Bias – Was Verzerrung, Glaube und Wahrnehmung mit Physiotherapie zu tun haben

Unter einem Bias versteht man eine Verzerrung in der Wahrnehmung der Realität. Ein einfaches Beispiel hierfür ist, dass man sich vornimmt, nie mehr während eines Spiels der Lieblingsmannschaft auf die Toilette zu gehen, da sie dann immer ein Gegentor bekommt. Oder der Glaube, dass man ohne die Glückssocken kein Basketball-Spiel gewinnen kann. In beiden Fällen sollte uns eigentlich klar sein, dass es zwischen den beiden Ereignissen keinen sachlichen Zusammenhang gibt. 

Sie treten zwar gleichzeitig auf, aber es besteht keine Kausalität zwischen ihnen. Man lässt sich aber trotzdem davon leiten/beeinflussen. Dies geschieht, weil sich das menschliche Gehirn entsprechend entwickelt hat und aus Zufällen einen Zusammenhang ableitet (Link). Hier muss man vielleicht noch einmal sagen, dass diese Art von Schubladendenken grundsätzlich nichts Falsches ist. Es ist total sinnvoll, aus gemachten Erfahrungen auf die Zukunft zu schließen.

Denn wenn wir jeden „Versuch“ in unserem Leben wiederholen müssten, würden wir öfter als nötig auf eine rot leuchtende und heiße Herdplatte fassen, um zu überprüfen, ob sie auch wirklich heiß ist. Ich habe auch irgendwann eingesehen, dass man sich durchaus an einem Spieltag rasieren darf, ohne den Erfolg der eigenen Mannschaft zu gefährden („Never shave on a gameday!“). Wenn wir aber neue Informationen generieren wollen, ist es wichtig, dass wir dabei möglichst unvoreingenommen an diesen Prozess herangehen.

Der ein oder andere Bias taucht allerdings trotzdem im Prozess des Erschaffens von Wissen auf. David Chavalarias und John P.A. Ioannidis haben in einer Veröffentlichung aus dem Jahre 2010 insgesamt 235 verschiedene Bias- Varianten gefunden, die seit den 1950er Jahren in der wissenschaftlichen Literatur beschrieben wurden (Link). Daran lässt sich erkennen, dass man sich in der Wissenschaft schon seit geraumer Zeit des Problems der Verzerrung und ihrer Vielfalt bewusst ist. 

Das bedeutet aber nicht, dass Verzerrungen in den wissenschaftlichen Veröffentlichungen mittlerweile kein Thema mehr sind. Ein Problem ist zum Beispiel, dass es vermeintlich negative Ergebnisse schwerer haben veröffentlicht zu werden (Publikations-BIAS). Auf der Internetseite https://catalogofbias.org findet sich eine interessante Übersicht über viele weitere Varianten der kognitiven Verzerrung.

Einige davon sind der Grund für Punkte, die beim Aufbau einer Studie beachtet werden sollen und die im Artikel dazu von mir genannt wurden (z.B. Randomisierung und Verblindung). Mit der Beachtung dieser Punkte kann sichergestellt werden, dass die Ergebnisse einer Studie eine möglichst große Aussagekraft haben und uns bessere fachliche Entscheidungen treffen lassen.* Die Studie dient dabei als ein mögliches wissenschaftliches Experiment, dessen Ergebnis dazu dienen kann, der Wahrheit ein Stück näher zu kommen (Link). 

Leider ist neben der Wissenschaft auch die  Physiotherapie nicht davor gefeit, sich in ihrer Wahrnehmungen hin und wieder zu täuschen. 

Wir stecken Patient*inn*en oft schon beim ersten Blick auf das Rezept in eine Schublade und meinen zu wissen, was uns in der Befunderhebung erwarten wird und wie wir das Problem therapeutisch angehen wollen. Informationen, die wir beim Befunden erhalten, die unsere erste Annahme bestätigen, fallen stärker ins Gewicht, als diejenigen, die unserer ersten Theorie widersprechen. Wer beim Nachdenken jetzt zu dem Schluss kommt, dass ihm diese Situation bekannt vorkommt: Willkommen im Club! Wir sind einem Klassiker der kognitiven Verzerrung auf den Leim gegangen, dem „Confirmation Bias“, auch „Bestätigungsfehler“ genannt. Hierbei sucht man nur nach Informationen, die die eigenen Ideen und Annahmen unterstützen und lehnt widersprüchliche Informationen ab (Link). 

Dieses Vorgehen ist, wie schon etwas weiter oben einmal erwähnt, nichts, was bewusst passiert. Vielmehr möchte uns unser Gehirn unterstützen, schnell zu einer Entscheidung zu kommen, wie der nächste therapeutische Schritt aussieht. Doch wäre unseren Patient*inn*en meiner Meinung nach sicher geholfen, wenn es uns gelingen würde, möglichst unvoreingenommen an solch eine Situation heranzugehen.  Und es ist schon interessant sich mal durch die diversen Formen des Bias zu lesen, um festzustellen, wie oft unterbewusst schon Entscheidungen gefällt wurden, bevor wir dachten, dass wir diese ganz bewusst selbst treffen. 

Wer jetzt übrigens glaubt, keinem Bias zu unterliegen: Auch hierfür gibt es einen eigenen Verzerrungs-Effekt. Man spricht vom „Bias Blind Spot“, also der Annahme, keinen Bias zu haben (Link).

* Wer sich genauer mit dem richtigen Aufbau von wissenschaftlichen Veröffentlichungen befassen möchte, dem sei das Buch „How to read a paper – The basics of evidence-based medecine and healthcare“ von Trisha Greenhalgh ans Herz gelegt.