Das SAID Prinzip – Ein wichtiges Konzept für die Praxis

Nach dem sehr praxisorientierten Artikel letzte Woche habe ich mich diese Woche auch für ein Thema entschieden, dass für die tägliche Arbeit hilfreich und wichtig ist: Das „SAID“- Prinzip. Hierbei handelt es sich um ein sehr wichtiges Konzept, dass in den Sportwissenschaften zu Hause ist und dort zu den absoluten Grundlagen zählt. SAID ist ein Akronym, dass im Englischen für „Specific Adaptations to Imposed Demand“ steht.  Ins Deutsche übersetzt, heißt es soviel wie „spezifische Anpassungen an auferlegte Anforderung/Reize“. 

Es gibt einige gängige Beispiele aus der Welt des Trainings, um dieses Konzept besser zu erklären.

  • Einer Person, die mit dem Joggen beginnt, um die Ausdauer zu trainieren, wird es mit der Zeit leichter fallen längere Strecken zu laufen. Der Körper passt sich an die neue Aufgabe an und stellt sich auf die neue Situation ein, um mit ihr besser fertig zu werden. Schon nach wenigen Laufeinheiten kann die Trainingsdistanz ein wenig erhöht werden. 
  • Von der neu gewonnenen Sportlichkeit und Ausdauer darf unser Bespielläufer nun aber nicht darauf schließen, dass er auch stärker geworden ist. Vielleicht etwas im Bereich der Beinkraft, wenn wir davon ausgehen, dass er vorher gar keinen Sport gemacht hat. Will er nun aber besser darin werden schwere Dinge vom Boden aufzuheben, muss auch diese Fertigkeit spezifisch trainiert werden. Eine Möglichkeit wäre die Beschaffung einer Langhantel mit ein paar Gewichtsscheiben und los geht es mit dem Kreuzheben. Nach einigen Einheiten braucht es vielleicht schon ein weiteres Paar Scheiben, denn der Körper hat sich auch an diese Aufgabe angepasst. 

Nun gilt dieses großartige Prinzip nicht nur im Sport. Es ist auf alle Lebensbereiche anzuwenden: Will jemand besser Klavier spielen, muss man viel Zeit mit Klavierspielen verbringen. Es gibt sicher allgemeine Dinge, die die Voraussetzungen für einen schnellen Lernerfolg schaffen (z.B. ist es bestimmt hilfreich Noten lesen zu können), aber nur, weil man gut Trompete spielen kann, ist man mit Sicherheit nicht sofort gut am Klavier. 

Bis hierhin ist hoffentlich deutlich geworden, dass der menschliche Körper großartig darin ist, sich anzupassen. Der Anpassung an neue Reize liegen natürlich viele komplexe Mechanismen zu Grunde, die zum Beispiel dazu führen, dass bei Tennisspieler*innen die Knochen des Schlagarms (Volumen und Dichte), die Griffkraft, das Muskelvolumen  ausgeprägter sind, als im jeweils anderen Arm (Link). Man muss erstmal nicht erklären können, wie diese Anpassungsprozesse vom Körper angegangen werden, wichtiger ist, dass diese Anpassungen SEHR spezifisch stattfinden.

Denn nun kommen wir zu dem Grund, warum das SAID-Prinzip auch in der Physiotherapie so wichtig ist: In der Behandlung und Rehabilitation von muskuloskelettalen Verletzungen und Beschwerden verhält sich der Körper nicht plötzlich grundsätzlich anders. Also sollten wir unsere Therapiepläne, Rehabilitationskonzepte, Präventionsstrategien und Zielsetzungen genau darauf überprüfen, ob sie auch spezifisch genug sind. 

Klassische Zielformulierungen orientieren sich immer wieder an Begriffen wie Stabilisation oder Kräftigung. 

 Und um deutlich zu machen, wie spezifisch wir sein müssen um unsere Ziele zu erreichen picke ich mir einmal das Thema Stabilisation heraus. Im ersten Artikel zu den Testgütekriterien habe ich die „Ottawa-Ankle Rules“ als Beispiel genutzt, die zum Ausschluss von knöchernen Begleitverletzungen beim „Umknicken“ mit dem Fuß dienen. In der Reha nach solch einer Verletzung werden sehr gerne Übungen auf instabilen Unterlagen wie weichen Kissen oder auch Bosu-Bällen genutzt, damit die Patient*innen besser darin werden ihr Sprunggelenk zu stabilisieren. Nun ist es sehr wichtig zu wissen, dass das Training von solchen koordinativen Aufgaben eine sehr spezifische Verbesserung zur Folge hat (Link) (Link). Wir sollten solche Übungen also nur in Betracht ziehen, wenn diese besser die Ziele der Reha erreichen. Und nur in wenigen Fällen bewegen sich Patient*innen dann später im Alltag oder beim Sport auf instabilen Untergründen. Um sich also am  „SAID“-Prinzip zu orientieren, könnte man überlegen, solche Stabilisationsübungen eher auf festem Untergrund durchzuführen. 

Die Kräftigung soll jetzt einen weiteren Punkt deutlich zu machen. Um eine spezifische Anpassung zu erzielen, brauche ich einen Reiz, der diese Anpassung auslöst. Der Reiz muss größer sein als das, was der Körper aktuell gewöhnt ist. Ansonsten ist keine Reaktion nötig. Wenn das Ziel in Behandlung oder Reha lautet eine Struktur „zu kräftigen“, benötigen wir also eine gewisse Reizstärke, sprich, es muss ein Widerstand bei den Übungen gewählt werden, der die Patient*innen fordert. Lange Rede kurzer Sinn: Es muss ANSTRENGEND werden. Wir sollten unsere Maßnahmen also unbedingt immer wieder darauf überprüfen, ob sie überhaupt noch einen Reiz darstellen. Tun sie dies nicht, so muss man sich eigentlich auch nicht mehr mit dem SAID-Prinzip beschäftigen, denn schließlich kommt es ohne auferlegte Anforderung beziehungswiese Reiz überhaupt nicht zur Anwendung. Zumindest nicht in positivem Sinne.

Denn es gibt noch einen sehr wichtigen Punkt: Das SAID-Prinzip gilt auch für „negative“ Prozesse. So führt eine Phase ohne Training genauso zu Anpassungen (Link)(Link)(Link) , wie wenn wir das Training nach der Pause wieder anfangen. Auch, wenn manche negativen Anpassungen glücklicherweise nicht so schnell passieren, wie es einem oft vorkommt (Link).

Es gibt also keinen Zustand, der dauerhaft erhalten bleibt. Der menschliche Körper ist immer dabei sich an die Umgebung anzupassen, um zu überleben. Fordert man ihn heraus, kann man auch mit einer Antwort rechnen. Lässt man es bleiben wird er versuchen sich so effizient wie nur möglich zu erhalten und abbauen, was er nicht mehr braucht. Starten wir also mit Patient*innen in die Reha nach einer Verletzung, müssen wir auch die längere Phase der Dekonditionierung bzw. das Detraining in unserer Planung beachten.

Zusammengefasst ist das SAID-Prinzip für mich ein sehr wertvolles Konzept, dass mir immer wieder bei der Auswahl von Therapiemaßnahmen hilft und verhindert allzu weit vom Weg abzukommen.